Wer sich gerne mal aussprechen will, der muss nach Europa kommen. Denn hier regieren (nicht mehr) Despoten, Diktatoren oder Tyrannen, nein, hier regiert der Dialog. Man spricht über alles, vor allem aber mit jedem, ganz unabhängig davon, ob der Gesprächspartner überhaupt auf eine Untersprechung aus ist. Ein kleiner Plausch kann ja nie schaden. So brennt Norwegen auf einen Austausch mit gemäßigten Hamas-Terroristen, während hierzulande der Vorsitzende der ältesten deutschen Partei genau dieses auch mit den Gedankenbrüdern der Taliban in Afghanistan fordert. Wen verwundert es bei diesen Vorlagen noch, dass Schweizer auch nichts gegen einen Dialog einzuwenden haben, mit einem Staat, der seit Jahren die Ausrottung Israel propagiert. Man kann über alles reden, wie gesagt.
Die Schweizer Bundespräsidentin nimmt in den Reihen der Dialogfreudigen jedoch eine besondere Vorreiterolle ein. Nicht über dröge Realpolitik wie Sanktionen oder Aufbauhilfe will sie sprechen, ihr Anliegen ist es, den Holocaust neu zu verhandeln. Aus diesem Grund kam ihr die Idee eines Seminars, das eben diesen Genozid zum Dialogthema haben soll. Und mit wem ginge das besser, wenn nicht mit einem Staat, der schon das nötige Know-How mit derlei Konferenzen hat? Iran ist ist bei diesem Thema wohl auch ein dankbarer Gesprächspartner.
Doch völlig Ahnungslos scheint sie nicht zu sein, diesen Eindruck vermittelt zumindest der Ausschnitt aus
einer Rede, die Calmy-Rey noch im Januar noch hielt: „Noch heute wollen uns gewisse Organisatoren internationaler Konferenzen weismachen, dass es den Holocaust nie gegeben hat.“ Das ist nicht gut, das weiß die Bundespräsidentin, denn: „Damit treten sie nicht nur die Gefühle der Opfer mit Füssen, sondern auch die Grundsätze und Werte, auf denen die internationale Gemeinschaft nach 1945 aufgebaut ist.“
Naheliegend also, dass die Eidgenossin jene „gewisse Organisatoren“ zu einem Seminar einlädt, um die Werte der internationalen Gemeinschaft zu verteidigen. Nicht unbegründet sind die Hoffnungen der Schweizer Sozialdemokratin, dass die verstoßenen Iraner nach erfolgreichem Abschluss eines solchen Seminars der Eingliederung in die internationale Gemeinschaft wieder ein gutes Stück näher gekommen sind. Zur Not könnte man vielleicht im Verlauf des Seminars aufeinander zugehen und zur abschließenden Feststellung kommen: „den Holocaust hat es bestimmt vielleicht gegeben“.
Für die Bundespräsidentin, für die ein Austausch zur „unterschiedlichen Perzeption des Holocausts“ hinnehmbar ist, war einige Monate zuvor etwas anderes hingegen keineswegs hinnehmbar: dass sich die Hinterbliebenen des verhandelbaren Verbrechens gegen eine Wiederholung massiv verteidigen. Bei einer Bundesfeier in Zürich kritisierte Calmy-Rey scharf: „Seit drei Wochen fordern die Bombardierungen von Israels Artillerie und Luftwaffe im Libanon nicht hinnehmbare zivile Opfer. Frauen und Kinder säßen in der Falle, so die Schweizerin.
Kein Wort verlor sie zunächst über die endlosen Hisbollah-Angriffe auf Israel in den Monaten zuvor. Das wurde erst später nachgereicht: „In Israel schlagen die Raketen der Hisbollah ein, treffen die Zivilbevölkerung und säen Angst und Schmerz.“ Jemand, der in einer Gedenkrede über das Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst die Opfer der Dresdner „Bombenangriffe“ beklagt und anschließend noch kurz auf die Opfer Nazideutschlands zu sprechen kommt, ist nicht aus Zufall Mitglied einer Partei, die bereits ein Verbotsverfahren hinter sich hat. Wenn man jedoch im Fall Israel und Libanon Ursache und Wirkung vertauscht, gehört das offensichtlich zum gesellschaftlichen Diskurs, der in Deutschland und der Schweiz durchaus auch in hochrangigen Staatsämtern geführt werden darf.
Es lebe der Dialog.